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09.05.2019 19:29 Alter: 11 days

„Und, wie findest du das Buch?“


„…, weil ich es lustig und auch spannend fand.“ Das ist sowohl unter den Erwachsenen als auch unter Kindern und Jugendlichen der Renner unter den Antworten auf die Frage „Und warum hat dir das Buch gefallen?“. Damit liegt man natürlich nicht falsch, zufriedengeben kann und will sich Karin Haller damit aber nicht. Karin Haller ist die Leiterin des Instituts für Jugendliteratur in Wien und gemeinsam mit ihrem Kollegen Klaus Nowak aus der Hauptstadt angereist. Im Gepäck haben die beiden jede Menge Wissen über den aktuellen Kinder- und Jugendbuchmarkt, wahrscheinlich mehr als 1000 unterschiedliche Buchtitel im Kopf und zwei spannende Workshops. In diesen erarbeiten sie mit den Schüler_innen der writers:class Kriterien zur Beurteilung von Texten. Kriterien, die differenzierte Antworten darauf erlauben, warum ein Buch als ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ empfunden wird.

 

Cover, Titel, Thema entscheiden zuerst

„Dabei entscheiden wir schon lange bevor wir überhaupt den ersten Satz eines Buches gelesen haben, ob wir dem Buch gegenüber negativ oder positiv eingestellt sind,“ verdeutlich Karin Haller. Cover, Titel, Genre eilen dem Text voraus und geben bereits den entscheidenden Impuls für das Zugreifen oder auch für das Liegenlassen eines Buches. Klaus Nowak, Experte für Jugendliteratur, zeigt den Schüler_innen am Beispiel von Harry Potter, wie ein und dasselbe Buch mit zwei unterschiedlichen Covern in den Buchläden am gleichen Tag einmal in die Kinderbuchabteilung und dann in die Abteilung für Erwachsene in die Regale kommt.

 

Inhaltlich gut aber stilistisch hat’s Längen

Eine nachvollziehbare Handlung, komplexe und doch authentische Figuren, inhaltliche Längen, ein kitschiger Stil, das sind nur einige von ‚Karins wichtigsten Beurteilungskriterien‘, die natürlich subjektiv sind, aber den Schüler_innen ein erstes Gefühl dafür geben, welche Punkte bei der Rezension von Büchern eine Rolle spielen können. Mit diesem ersten Eindruck starten Karin Haller und Klaus Nowak mit der writers:class in ihre Workshops. Dafür hat Karin Haller einen Textauszug aus Löcher – Die Geheimnisse von Green Lake von Louis Sachar mitgebracht. Nach ersten emotionalen Reaktionen zum Text geht sie mit den Schüler_innen Schritt für Schritt tiefer in den Text, in den Inhalt und die Sprache. Zunehmend werden die Meinungen der Schüler_innen differenzierter. Einig sind sich alle, dass Spannung dann entstehen kann, wenn der Plot eines Buches von einer zentralen Frage bestimmt wird, die die Leser_innen packt. Legt der Autor/die Autorin die Antwort zu dieser Frage dann in Puzzleteilen aus, die erst nach und nach Sinn machen, erleben wir das als spannend. „Das ist wie bei Erebos“, wirft Julian ein, der wie alle heute sein Lieblingsbuch mitgebracht hat. „Dort müssen die Figuren Aufgaben aus einem Online-Spiel in der Realität lösen. Warum das so ist und wie das alles zusammenhängt, macht erst nach und nach Sinn. Das ist total spannend!“

 

Von der Spannung auf den zweiten Blick

„Ich kann das schwer erklären, aber wenn der Autor erzählt, dass jemand Eier kocht, ist das einfach nur unwichtig und überhaupt nicht spannend“, resümiert Jana dagegen im Workshop mit Klaus Nowak ihre Meinung zum Textauszug Der Weg der Engel aus dem zweiteiligen Jugendroman Vango des französischen Autors Timothée de Formbelle. „Aber die Handlung spielt doch in Paris!“, verteidigt Pius den Text und outet sich als Frankreich-Fan. Klaus Nowak schließlich löst das Bild des kochenden Eis auf. Die tickende Eieruhr ist der Countdown für den Startschuss der Handlung, bei dem plötzlich ein Mann mit Pistole auftaucht und der Text mit einer wilden Verbrecherjagd über den Dächern von Paris mit hunderten von Polizisten unerwartet actionreich an Fahrt aufnimmt. Klaus Nowak erntet erstaunte Blicke und die Erkenntnis, dass sich mitunter auch das Dranbleiben an Texten lohnt, die nicht gleich auf den ersten drei Seiten komplett überzeugen können. Jana, die einfach keine Action-Literatur mag, bleibt skeptisch, während Gregor es langweilig findet, wenn ein Text nur erzählt, wie es einer Figur geht. Damit setzen die beiden nahezu unbemerkt eine erste kleine literaturkritische Diskussion am Tisch in Gang.

 

Ein Speed Dating von Buch zu Buch

Zum Abschluss wird es dann noch einmal laut und lebendig. In Zweiergruppen haben die Schüler_innen fünf Minuten Zeit, ihrem Gegenüber ihr Lieblingsbuch möglichst überzeugend ans Herz zu legen, so dass neue Leser_innen für das Buch gewonnen werden können. Wer sich im kleinen Rahmen gut schlägt, traut sich dann auf die größere Bühne vor der Klasse und stellt das Buch seines Teampartners/seiner Teampartnerin dem Forum der Mitschüler_innen vor. Diese Übung ist eine gute Vorbereitung für die writers:class, die vor dem Sommer der Klasse 1c von Mag. Christoph Ludescher ihre Lieblingsbücher für die Ferien empfehlen wird. Beste Literatur, wasserfeste Argumente und das geübte kluge rhetorische Vorgehen der Schüler_innen der writers:class werden dann hoffentlich zahlreiche literarische Funken auf die Erstklässler_innen überspringen lassen.

 

Wir danken Karin Haller und Klaus Nowak für diesen abwechslungsreichen und inspirierenden Vormittag. Außerdem geht unser herzlicher Dank an den Elternverein des Gymnasiums Schillerstraße, den Vorarlberger Kulturservice und an das Land Vorarlberg für die wertvolle finanzielle Unterstützung dieses so facettenreichen double-check-Projekts.

 

Mag. Sylvia Heinzle
Dipl. Kult.Man. Frauke Kühn

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